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Das Ende des
“Nils in der Wüste” und die Kondratieff-Zyklen

(2007)

von
Harald Wozniewski

Guido Knopp, 100 Jahre, Econ Verlag, München 1999, 2003, S. 102 f.:

Die Weltwirtschaftskrise 1929
Bis heute wird in Fachkreisen darüber diskutiert, wie es zum Desaster an der Wall Street (Oktober 1929) kommen konnte. Aktienspekulationen und Schwächen in der Wirtschaftsstruktur werden für den »Großen Krach« verantwortlich gemacht. Dabei galt die amerikanische Wirtschaft in den »Goldenen Zwanzigern« als ausgesprochen gesund - die Industrie erlebte eine beispiellose Phase der Hochkonjunktur. Seit 1923 wuchs der Wohnungsbau, Automobilbetriebe boomten. Radios, Kühlschränke und Toaster bescherten den Elektrofirmen phantastische Umsätze. Dank neuer Technologien konnte mehr und billiger produziert werden. Da Löhne und Preise relativ stabil blieben, stiegen die Gewinne enorm. Das führte zu einer höchst ungleichen Verteilung der Kaufkraft. »1929 waren die Reichen ganz besonders reich«, schrieb der Wirtschaftsexperte John Kenneth Galbraith. Nur fünf Prozent der Bevölkerung verfügten über ein Drittel des gesamten privaten Einkommens. Die Durchschnittsfamilie war nicht in der Lage, sich ein Einfamilienhaus oder ein Auto zu kaufen – doch diejenigen, die es sich leisten konnten, hatten irgendwann ihren Bedarf gedeckt. 1929 drosselte wegen drohender Absatzschwierigkeiten die Industrie ihre Produktion. Wohin aber mit Profiten, die bisher in die Wachstumsbranchen (und damit an die Reichen) geflossen waren? Alternative Investitionsmöglichkeiten gab es kaum — lediglich der Aktienmarkt versprach weiterhin Gewinn.”

Das unter [Modelle/Reich ./. Arm] “Einsamer Reichtum basiert auf der Verarmung der Bevölkerung - Gemeinsamer Reichtum basiert auf der Beschränkung der Reichen” dargestellte Modell einer Geldwirtschaft wie auch das weiter oben unter [Modelle/Der Nil] “Wenn das Geld fließt wie der Nil in der Wüste” vorgestellte Modell vom “Nil in der Wüste” werfen wichtige Fragen auf:

  • Wenn sich tatsächlich im Laufe von Jahrzehnten der Geldfluss einer Volkswirtschaft immer weiter bei wenigen Reichen konzentriert, wie geht es dann weiter?
  • Gibt es vielleicht auch den umgekehrten Prozess, den der Verbreiterung der Massenkaufkraft, und wenn ja, wie darf man sich den vorstellen?

In der Geschichte der Menschheit gibt es niemals einen absoluten Anfang oder ein absolutes Ende, sondern immer eine Fortsetzung. Daher müssen beide genannten Modelle, wenn sie sich an der Realität messen lassen wollen, ebenfalls eine Fortsetzung aufzeigen.

Wie oben unter [Modelle/Der Nil] “Wenn das Geld fließt wie der Nil in der Wüste”] beschrieben, beruht die stetige Verengung und Konzentration eines Geldflusses auf den beiden Umständen, dass Kapital seinem Eigentümer Einkommen bescheren kann und dass das Anwachsen von Kapitalansammlungen keine rechtliche Begrenzung erfährt. Nichts liegt also näher als die Vermutung, dass am zeitlichen Beginn beider Modelle keine oder nur geringe Vermögensunterschiede zwischen den Marktteilnehmern herrschten und das am zeitlichen Ende beider Modelle eine erhebliche Konzentration von gewinnbringendem Vermögen bei einem Teil der Marktteilnehmer vorliegt. (Ergänzung 2008: Vgl. auch [Fakten/Bankenkrise] Die amerikanische Bankenkrise und die weltweite Finanzkrise)

Zu einem Neubeginn eines Zyklus bei diesen Modellen kann es daher nur kommen, wenn die Vermögenskonzentration beseitigt oder nennenswert reduziert wird - entweder dadurch, dass die gewinnbringenden Vermögen zerstört werden, oder dadurch, dass sie sich in der Bevölkerung verteilen, oder durch beides gleichzeitig.

Mit dieser These nähern wir uns einer Theorie, die in der volkswirtschaftlichen Literatur als “Theorie der langen Wellen” beziehungsweise als Theorie der Kondratieff-Zyklen behandelt wird. Im Jahre 1926 erschien in einer angesehenen deutschen Fachzeitschrift ein Artikel mit dem Titel “Die langen Wellen der Konjunktur” (Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 1926, S. 573 ff.). Der Autor, ein russischer Wissenschaftler namens Nikolai Kondratieff, behauptete darin, dass die wirtschaftliche Entwicklung Westeuropas und der USA nicht nur durch das Auftreten kurzer und mittlerer Konjunkturschwankungen gekennzeichnet sei, sondern dass in den kapitalistischen Ländern auch lange Phasen von Prosperität und Rezession periodisch auftreten. Er ordnete ihnen eine Dauer von rund 50 Jahren zu. Kondratieff war keineswegs der erste, der auf das Phänomen langer Wirtschaftsverkehr aufmerksam machte. Jedoch war damals die Zeit wohl reif, dass man dieser Sache Aufmerksamkeit schenkte (Vgl. nur Ulrich Weinstock, Das Problem der Kondratieff-Zyklen, Berlin, München 1964, S. 17 ff.; Ernest Mandel, Die Langen Wellen in Kapitalismus, Frankfurt am Main, 1987, S. 9; Leo A. Nefiodow, Der sechste Kondratieff, 5. Auflage Bonn 2001, S. 2).

Nun gibt es in der volkswirtschaftlichen Literatur - soweit ersichtlich - keine Untersuchung, die sich mit der Geldverteilung unter den Mitgliedern einer Volkswirtschaft und der Frage nach eventuellen Zusammenhängen mit der Konjunktur befasst (Ergänzung 2008: Vgl. auch [Modelle/Geldfluss] “Die falsche Vorstellung der Volkswirte vom Geldfluss in unserer Volkswirtschaft”). Auch Kondratieff stellte diese Frage nicht. Dennoch hat er in seiner Abhandlung statistisches Material ausgewertet, das Rückschlüsse auf diese Frage zulässt.

 
(Berühmt und berüchtigt: Die Zeit der Großen Depression von 1873 - 1896)

Aus den Veränderungen der Arbeitslöhne, die eine breite Bevölkerung betrafen und die ohne Zweifel den Schluss darauf erlauben, ob das in der Volkswirtschaft vorhandene Geld mehr in der Breite oder mehr als “Nil in der Wüste” fließt, folgert Kondratieff:

“Somit lässt das lohnstatistische Material trotz seiner Spärlichkeit keinen Zweifel daran, daß auch in der Bewegung der Löhne langer Wellen wirksam sind, deren Perioden denen in den Warenpreisen und dem Zinsfuß ziemlich nahe kommen.” (A. a. O. S. 584)

Zwar kommt Kondratieff auch auf die Idee, dass ein Zusammenhang der langen Konjunkturzyklen mit Kriegen und Revolten bestehen könnte (Französische Revolution, Märzrevolution 1948, 1886/92 Sturz der britischen Regierung, Freiheitskämpfe der United Irish League, Sozialgesetze im Deutschen Reich 1883-1889 usw. usf.). Doch scheint dieser Gedanke für einen Volkswirt, der sich womöglich nicht gerne mit profanen Erklärungen abgibt, zu unwürdig:

“In der Zeit des Ansteigens der langen Wellen, d. h. der Hochspannung im Wachstum des Wirtschaftslebens fallen in der Regel die meisten und größten kriegerischen und inneren sozialen Erschütterungen.
Wir betonen, dass wir diese Unregelmäßigkeiten nur empirischen Charakter beilegen und das will keineswegs meinen in ihnen läge eine Erklärung der langen Wellen.” (A. a. O. S. 591 f.)

Stattdessen meint Kondratieff - wie viele, die von ihm abgeschrieben haben, - dass der eigentliche Grund in Neuerungen der technischen Entwicklung (“Basisinnovationen”) zu finden sei.

Auch Schumpeter hatte die langen Wellen festgestellt und mit psychologischen Erwägungen begründet (Schumpeter, Konjunkturzyklen, Göttingen 1961). Interessanterweise meint Weinstock dazu:

“Alle herangezogenen Untersuchungen, die sich in Originalbeiträgen mit langen Wellen beschäftigt haben, haben keinen Nachweis langer Wellen gebracht. … Bei der Frage nach der Beurteilung einer sich auf empirischer Beobachtung gründenden wissenschaftlichen Aussage ist stets Vorsicht walten zu lassen, da das statistische Material stets verschiedenartige Einflüsse aufweist. Doch scheint für die Theorie der langen Wellen das eigentliche Problem in dem theoretischen Überbau zu liegen. Denn - die Existenz der langen Wellen einmal unterstellt - so wurde keine plausible Erklärung für die gleichmäßige, zwangsläufige Wiederkehr langer Wellen gefunden.” (Weinstock, Das Problem der Kondratieff-Zyklen, Berlin München 1964, S. 120)

Den “theoretischen Überbau” der langen Zyklen liefern die Modelle vom “Nil in der Wüst” und von der Geldwirtschaft, wobei diese Modelle freilich nur Höhepunkt (zu Beginn beider Modelle), Abschwung und Tiefpunkt der Konjunktur (am Ende beider Modelle) beschreiben. Der Abschwung hat seinen inneren Grund in der zunehmenden Vermögens- und Geldkonzentration. Der Aufschwung der Konjunktur - und zwar der durch Geldmengenwachstum bereinigte Aufschwung (vgl. [Fakten/Konjunktur] “Meudaleffekt, Geldmengenwachstum und Konjunktur”) - kann nur aus der Umkehrung der Vermögenskonzentration resultieren.

Dies ist nicht der Ort, um die Thesen von den “Basisinnovationen” oder den psychologischen Gründen zu widerlegen oder zu bestätigen (Vgl. nur Weinstock, a. a. O. S. 121). Hier geht es um die simple Feststellung, dass die beiden oben vorgestellten Modelle in der Realität dort ihren Anfang nehmen, wo zuvor durch Revolten, Kriege und Bürgerkriege die zuvor bestehenden, oft gigantischen Vermögen und Einkommensquellen der wenigen Superreichen (Feudalherren) ihr Ende fanden, sei es durch Zerstörung, sei es durch gewaltsame Verteilung oder durch beides. Auch das Ende des Zweiten Weltkrieges hatte in Deutschland durch die vielen Bombenhagel diese Voraussetzung für einen Neubeginn geschaffen. Ludwig Erhard sorgte ganz bewusst mit der Währungsreform 1948 für eine zusätzliche Dezimierung großer Geldvermögen. Damals setzte sich bekanntlich sogar die CDU für die Verstaatlichung von Industrieunternehmen ein (Ahlener Programm 1947, dort “Vergesellschaftung” genannt). Die von Kenneth Galbraith zu Beginn dieses Kapitels beschriebene Zweiteilung der Gesellschaft in wenige Superreiche und ein Millionenheer von verarmten Menschen endete durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg in Deutschland in einer mehr oder weniger gemeinsamen Armut und - in Verbindung mit der Währungsreform 1948 - in einer “breitgeschichteten Massenkaufkraft”, wie es Ludwig Erhard 1957 in seinem Buch “Wohlstand für alle” (S. 7) nannte. (Ergänzung 2008: In den USA endete die Zweiteilung bereits vorher durch den New Deal.)

Wenn wir das Diagramm oben mit den Diagrammen vom “Nil in der Wüste” in Beziehung zueinander setzen wollen, ergibt sich etwa folgendes Bild:

blank usw.

(Die Ursache u.a. der Großen Depression 1873 - 1896: Die Nilbildung)

 

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